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Amalia Angellinni - "Ein Narr (in) der Liebe" #5 JUST MY IMAGINATION |
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:: Home: Amalia ANGELLINNI "Lovefool"
#5 JUST MY IMAGINATION
Nach zwei Tagen hatte sie schon eine neue Arbeit. Sie sah nicht wie 17 aus. Sie wirkte eher wie mindestens 18. Und das ohne Make-up. Das machte den entscheidenden Unterschied aus, wenn man eine Arbeit finden wollte: Sah man erwachsen aus oder nicht? Obwohl sie also keine 18 Jahre in ihren Dokumenten vorweisen konnte, machte sie einen ausreichend guten Eindruck, so dass sie einen Job bekam. Sie sollte sich um eine alte Dame kümmern. Es ist nicht normal in Polen, dass man jemanden dafür bezahlt, um auf eine Oma aufzupassen. Meistens haben die Menschen nicht genug Geld dafür und da sie sowieso mit den Eltern oder mit ihren Kindern zusammenleben ,gibt man kein Geld für solch extravaganten Sachen aus. Jedoch gibt es inzwischen einige Leute, die sich nach der Öffnung des Ostblockes bereichert haben, aber das nicht zeigen wollen, um keinen Neid bei ihren Freunden oder beim „allseits beliebten“ Finanzamt auszulösen. Dennoch brauchen auch sie eine Person, die sich um ihre schwächsten Familienmitglieder kümmert.
Diese Arbeit war zwar nicht legal, aber das stellte für Mia kein Problem dar. Sie brauchte das Geld. Außerdem war das nicht der einzige Grund zur Annahme dieser Stelle. Auf die „Oma Zofia“ aufzupassen war keine schwere Aufgabe. Zofia war eine alte Dame, schon über 80 und erinnerte eher an so etwas wie eine Pflanze. Sie konnte verstehen, was man zu ihr sagte, aber sie war nicht mehr in der Lage zu antworten. Sie versuchte zu kommunizieren, indem sie ihre Augen benutzte und manchmal klappte es. Es hatte funktioniert, als sie Mia einstellen wollte. Mia war eine junge Frau, die eine Energie hatte, die alte Leute gerne um sich haben wollen, da man sich diese Energie nirgendwo anders beschaffen konnte. Die Augen von Zofia leuchteten so begeistert, als würde sie zu viele Drogen bekommen.
Die Arbeit war nicht schwer. Es ging prinzipiell darum, neben Oma Zofia zu sitzen, ihr vorzulesen, ihr etwas zu erzählen, gemeinsam Musik zu hören oder in anderer Form etwas jugendliche Energie zu versprühen. Mia sollte zwei bis drei Mal die Woche anwesend sein und im Notfall gab es ein professionelles Team, das alles überwachen konnte.
Oma Zofia hatte die Hände eines alten Menschen, übersäht mit Spuren der Vergangenheit. Sie waren zärtlich und warm. Sie war es gewöhnt, immer etwas in den Händen zu halten. Früher hatte sie immer gesagt sie , wolle das Gefühl haben, das Leben zu spüren so lange wie sie lebte. Oma Zofia hatte Haare, weiß wie Schnee und kurz wie sie die Frauen in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts trugen. Mia kämmte sie so und brachte sogar eine Haarspange im Stil der frühen 20er mit. Oma Zofia war immer zufrieden, wenn Mia in der Nähe war und noch glücklicher, wenn Mia redete. Die Stimme von Mia war wie Medizin für sie. Mia erzählte meistens, was sie in der Stadt gesehen hatte oder las laut vor. Oma Zofia war erfreut, diese junge, freundliche Stimme zu hören, die für sie wie eine Droge war, die sie zum Leben benötigte. Die alte Dame dachte, dass der liebe Gott vielleicht beschäftigt war, jedoch schickte er manchmal außergewöhnliche Leute.
Mia las meistens laut. Sie konnte sich dann besser vorstellen, wovon das Buch handelte. Sie konnte sich die Hauptfiguren der Trilogie von Sienkiewicz, die zu den Lieblingsbüchern von Oma Zofia gehörte, besser vorstellen. Es ging um die Ritter aus dem 17. Jh., die mit Schwertern um die Ehre kämpften, die immer ihren ritterlichen Codex verfolgten und niemals ihre Regeln brachen. Mia konnte fast die grünen Wiesen Polens und der Ukraine spüren und fühlte den Wind im Gesicht, der die Neuigkeiten über die Schlachten und ihre Ergebnisse brachte und über die komplizierten Schicksale der Helden berichtete. Sie blutete mit den Hauptfiguren und war begeistert, wenn sie glücklich waren. Es war ein starkes Gefühl und es war schwer zu erklären (wie beschreibt man ein Gefühl?), aber Mia war ein Teil des Buches, das sie laut vorlas. Oma Zofia mochte es, die Emotionen in Mias Stimme zu verfolgen. Wenn Mia vorlas, vergaß sie die ganze Welt um sich herum und alles in ihrer Umgebung war meilenweit entfernt von dem, worüber sie las. Sie hatte das Gefühl, dass sie diese Landschaften kannte, obwohl sie sie nie gesehen hatte und dass sie diese Ritter kannte, obwohl sie sie nie getroffen hatte. Sie hatte diese Gabe, seit sie denken konnte.
:: Kapitel #1
:: Kapitel #2
:: Kapitel #3
:: Kapitel #4
:: Kapitel #5
:: Kapitel #6
:: Kapitel #7
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